Thierry's Bericht Paris-Brest-Paris (1227 KM)

Die Anfahrt

Nach fast einjähriger Vorbereitung und ziemlich genau 8000 Trainingskilometern, war es nun also soweit: Mike Burger und ich trafen uns am 18. August um 06:20 im HB Bern. Unsere Fahrräder waren beladen wie Lastesel, mein normalerweise 8 kg schweres Kuota war wohl um die 20 kg schwer (wobei ich mir ernsthaft Sorgen machte, wie das gehen sollte, ich mit meinen 95 kg, dem Trinkrucksack a 3 kg und das 10-kg-Gepäck, zusammen mit dem zierlichen Karbon-Velo auf den 1200 km mit den 10'000 Höhenmetern)?

Wir luden die Fahrräder in den Zug ein und machten uns im Abteil breit. Dumm war nur, dass die Lokomotive des Zugs defekt war. Nach langen hin und her (zuerst „der Zug hat eine Viertelstunde Verspätung“, dann „ es kommt in drei Minuten ein Ersatzzug gegenüber“) mussten wir unser Zeug wieder ausladen, um dann alles eine halbe Stunde später in den ICE zu verladen (da der Ersatzzug nun doch nicht kam), der ebenfalls nach Basel fuhr. Da wir in Basel genau eine halbe Stunde Zeit hatten, um auf den TGV umzusteigen, wurden wir leicht unruhig, da wir befürchteten, dass wir den Anschluss verpassen könnten. Dies war aber nicht der Fall, da die SBB den Anschluss garantierte.

Nachdem wir die Fahrräder in den TGV gemurkst hatten und uns über die absurde Fahrradhalterung im Zugabteil gewundert haben (im offiziellen Fahrradabteil), kahmen wir problemlos in Paris Est an. Dies war das erste Mal, dass sich mein Hintern mit 300 Sachen von A nach B bewegt hat, schliesslich wurde die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke der SNCF kurz zuvor eröffnet.

Das nächste Ziel war nun Paris Montparnasse, der Bahnhof, von welchem der Vorortszug zum Hotel fährt. Dazu mussten wir zirka 15 km in Paris mittels Fahrrad hinter uns bringen, was aber weniger schlimm war als befürchtet, da das ganze gut angeschrieben ist und die Fahrräder den Busstreifen benützen dürfen.

Mit dem Vorortszug fuhren wir dann nach Plaisir-Irgendwas, was, wie sich später herausstellte, die falsche Station Plaisir-Irgendwas war. Demzufolge mussten wir wieder etwa 20 km retour Richtung Paris, bis wir unser Hotel fanden. Die Gegend war bis jetzt erstaunlich „erlesen“, keine Spur von Banlieu oder Grossstattflair, sondern hunderte von Einfamilinehäusern wie in Muri.

Vorbereitungen auf den Start

Nachdem wir am Samstag das Hotelzimmer bezogen hatten, mussten wir am Sonntag mit den Fahrrädern nach Guyancourt an den Start zur Materialkontrolle.

Dabei wurden die Beleuchtung, die Leuchtweste und die Bremsen kontrolliert.

Da es regnete, sagten sie die Kontrolle kurzerhand ab (für uns unbegreiflich). Was blieb war das abholen der Streckendokumente, ein Racebook, das bei den Kontrollstellen abgestempelt werden musste, sowie eine Chipkarte, die ebenfalls bei den diversen Kontrollstellen registriert werden musste. Hier erhielt man auch bereits den ersten Eindruck der vielen verschiedenen Fahrräder, die am Montag bzw. Dienstag an den Start gegen sollten. Man sah z. B. diverse Liegefahrräder, welche komplett mit Carbon oder ähnlichem verkleidet waren, oder auch Tandemliegefährräder, wobei die zweite Person hinten oder neben der ersten Person sass.

Start

Am Montag Abend (nachdem sämtliche französischen Meteo's schlechtes Wetter vorausgeahnt hatten), ging Mike um etwa19:00 an den Start (er hatte die 90-Stunden-Variante gewählt, da er Angst hatte sonst nicht ins Zeitlimit zu passen).

Sein Start war dann später effektiv um 22:30, da die 90-Stünder gestaffelt auf die Strecke geschickt wurden (anstatt 21:30).

Ich legte mich um etwa 22:00 auf die Ohren. Erstaunlicherweise schlief ich nicht schlecht, da mich das Mobil um 04:00 aus dem Tiefschlaf riss. Normalerweise wälze ich mich während solchen Nächten endlos im Bett und bin dauernd wach. Wahrscheinlich hatte sich mein Körper den dringend nötigen Schlaf von selbst genommen, meine grösste Angst, quasi als Solidarität zu Mike die Nacht vorher auch schlaffrei zu verbringen, erwies sich als unbegründet.

Nachdem ich frisch geduscht und mein Zeugs zusammen gepackt hatte (wobei ich mir beim Duschen vornahm, mir keine Gedanken an die nächste Dusche zu machen), fuhr ich zum Start nach Guyangourt.

Auf dem Weg nach Guyangourt fuhr man durch ein Erholungsgebiet mit See, wobei mir etwa 30 Kaninchen (aus meiner Sicht waren es Kaninchen, da sie stehende Ohren hatten) vor dem Fahrrad durchhuschten. Keine Ahnung, was die dort in einer derart grossen Anzahl machten.

Ich kam um 04:55 in Guyangourt an, mein Zeitplan stimmte also perfekt. Nun konnte ich mich nur noch hinten einreihen. Kurze Zeit später startete das Feld von schätzungsweise 500 Teilnehmern. Wir fuhren durch die Vororte von Paris, wobei uns diverse Zuschauer zujubelten. Bei mir machte sich ein eigenartiges Gefühl bemerkbar, ein Gefühl, dass ich am einfachsten mit dem Gefühl des ersten Diensttages in der RS vergleichen konnte. Ich war mir bewusst, dass dies nun kein Spass mehr ist, sondern dass es nun ernst gilt. Ich hoffte, dass sich die wöchentlichen 100er im Januar und Februar dieses Jahres jetzt auszahlen würde.

Die Hinfahrt

Das Feld blieb lange zusammen, es war faszinierend die hunderten roten Rücklichter zu beobachten. Mit der Zeit aber (ab Kilometer 50) sah man nur noch vereinzelte Gruppen.

Ich fühlte mich gut, in den nächsten Kilometern konnte also nichts passieren. Nach etwa zwei Stunden fing es an zu regnen, ich zog also meine Regensachen an. Interessanterweise fuhren die meisten ohne Regenschutz weiter, so dass sie sicherlich sofort nasse Füsse hatten. Ab und zu hörte der Regen für einige Stunden auf, was mich dazu verleitete, die Regensachen wieder auszuziehen. Ich kam relativ zügig mit einem 30er Schnitt voran, wobei der Schnitt von einem 33er wegen meiner zahlreichen Pinkel-/Umziehpausen runtergedrückt wurde. Im Gegensatz zu meinem eigentlichen Vorsatz, extra langsam zu fahren, fuhr ich mein normales Tempo zwischen 30 und 37 durch. Ich sagte mir, dass solange ich nicht im sauren Bereich bewege, alles bestens sei. Schliesslich hatte man ja auch vermehrt Windschatten des Vordermannes (obwohl auffällig viele mir im Rücken zu fahren schienen). Nach zirka 150km kamen wir zur ersten Kontrolle (welche bei der Hinfahrt nur eine Verpflegungsstation war). Bis dahin hatte ich schon einige Höhenmeter hinter mir, welche mich aber noch nicht wirklich herausgefordert hatten. Ich füllte meinen Trinkrucksack mit der Flüssignahrung auf und fuhr zügig weiter.

Mein Fahrrad schien bis jetzt kein Problem mit dem immensen Gewicht zu haben, mit der Zeit hatte ich mich an das schlingern des Hinterrades wegen des zusätzlichen Gewichts gewöhnt.

Nun wurde die Strecke immer hügeliger, es ging dauernd 50 Meter auf und ab, unglaublich, der Streckenchef schien alle Hügel in Frankreich vereint zu haben.

Irgendwo nach Kilometer 180 fing mein linkes Knie an zu schmerzen, leider hatte ich die optimale Stellung mit meinen neuen Pedalen seit Juli dieses Jahres nie mehr gefunden. Die alten Pedale waren defekt und identische gab es nicht mehr. Sofort fuhren mir Zweifel durch den Kopf, ob ich das ganze noch zuende fahren könnte. Der Schmerz war aber noch auszuhalten, also fuhr ich weiter. Bei der nächsten, diesmal obligatorischen Kontrolle liess ich mein Zeugs abstempeln, und füllte meinen Rucksack auf.

Auf der nächsten Teilstrecke nahm das rauf und runter zu. Da mir dieses Gelände liegt, überholte ich unzählige andere Fahrer die aufwärts langsamer fuhren. Abwärts verhalf mir das Gepäck zu einer ungewohnten Beschleunigung, so dass ich auch abwärts immer wieder andere überholte.

Interessant waren die „Raketenfahrzeuge“, die voll verkleideten Liegefahrräder, welche aufwärts fast zu stehen schienen (ich fuhr etwa doppelt so schnell), aber mich dann abwärts mit extremem Tempo wie ein Auto überholten. Schliesslich hatten die auch viel weniger Luftwiderstand als ich, ich konnte mir allerdings nicht erklären wieso die aufwärts so langsam fuhren.

Der Schmerz im linken Knie war weiterhin konstant auf tiefem Niveau, ich dachte mir, dass Jammern jetzt nichts nütze, sondern dass ich besser ruhig weiterfahren sollte. Instinktiv nahm ich aber schon ein bisschen Kraft vom linken Pedal, was meine Geschwindigkeit etwas drosselte. Meine Taktik war, dass ich von Kontrolle zu Kontrolle weiterfahren wollte, ohne mich an den restlich zu verbleibenden Kilometern oder Stunden zu orientieren. Diese Taktik hatte sich bereits beim 600-km-Radmarathon in Wiedlisbach bewährt.

Bei der nächsten Kontrolle hatte ich um die 300 km. Hier ging ich zum ersten mal ins KZ (Krankenzimmer), wo mir der Sanitäter sagte, dass ich weiterfahren könnte, aber aufpassen müsse, da sonnst meine Sehne reissen könnte. Super dachte ich, war aber immer noch nicht soweit, ernsthaft ans Aufgeben zu denken. Dem Amerikaner, welcher ähnliche Probleme wie ich hatte, dabei aber die Leute anschrie „Stupid non English speaking guys“, sagte ich nur, er sei hier der Stupid Guy, schliesslich sei er nicht mal fähig sein Fahrrad korrekt einzustellen (was auch auf mich zu traf). Es war für mich unbegreiflich wie man die Freiwilligen derart anschreien konnte.

Hier hatte ich auch zum letzten mal telefonischen Kontakt mit Mike, welcher schon zirka 200 km weiter war als ich. Was er mir mitteilte war aber nicht gerade aufbauend, er meinte es würde noch mehr Höhenmeter geben. Also erledigte ich den obligatorischen Rest und machte mich auf die Weiterreise. Hier hatte ich auch zum ersten Mal telefonischen Kontakt mit Adi Zimmermann, welcher sich als Mentalcoach betätigte. Von da an erhielt ich in regelmässigem Abstand SMS von Adi mit diversen News bezügliche Mike usw.

So fuhr ich also weiter Richtung Brest, welches nun näher und näher kam. Die Strecke war immer hügelig, es hatte kaum flache Strecken. Das Statement eines Holländers, der auf seiner Webseite schreib, dass es nur etwa 30 km flache Strecken hätte (welche Mike und ich spöttisch als was-kennt-ein-Holländer-schon-von-Hügeln-Floskel abtaten) schien sich zu bewahrheiten. Das ganze rauf und runter tat meinem Knie natürlich alles andere als gut, und um die Kilometer 400 tat mir neu auch noch das rechte Knie weh, schliesslich hatte ich dieses ja auch in den letzten 200 km mehr belastet.

Das ganze war natürlich alles andere als aufbauend, ich sagte mir, dass ich zumindest Kilometer 615 in Brest sehen wolle. So fuhr ich also weiter, unterdessen langsamer als auch schon, neu musste ich neben den Pinkel- und Kleiderwechselpausen auch Sitzcremepausen einbauen.

Dank der Flüssignahrung in meinem Rucksack hatte ich aber keine Schwächeeinbrüche oder ähnliches. Meine Muskulatur war weiterhin top in Schuss. Immer mehr suchte ich den Kontakt zu meinen Mitfahrern, da ich mich langweilte. Mit einem Londoner um die 50, der das ganze schon zum vierten mal machte, fuhr ich etwa zwei Stunden lang und tauschte mich ausgiebig aus.

Auch mit diversen Franzosen unterhielt ich mich des öfteren. Französisch und Englisch waren sehr hilfreich, Englisch, da etwa 800 englischsprachige unterwegs waren, französisch für die restlichen 2000 Franzosen, die das Rennen fuhren sowie natürlich die Freiwilligen.

Der Rest unter den Fahrern verstand wohl auch mehr oder weniger Englisch.

Von den 41 Schweizern erkannte ich keinen, wahrscheinlich weil die schnellsten vor mir waren, oder aber die langsamen mit den 90-Stündern gestartet waren.

Nun fuhr ich also in die erste Nacht hinein. Um 21:00 war ich bei einer Kontrolle. Bei diesem KZ hatte es im Gegensatz zu den anderen Kontrollstellen einen Arzt, welcher mir versicherte, dass ich mein Knie nicht kaputtmachen könnte.

Gemäss seiner Aussage könne ich selbst entscheiden, wann der Schmerz zu hoch sei. Insofern war also das ganze gerettet, ich fuhr jetzt etwa 200 km mit Schmerzen die aber nicht stärker wurden. An dieser Kontrollstelle waren alle Tische mit schlafenden Radfahrern besetzt, die 90-Stünder waren nun in ihrer zweiten Nacht, viele von ihnen sassen auf den Stühlen bei den Esstischen und schliefen vornübergebeugt auf den Tischen. Wie die toten Fliegen lagen beziehungsweise sassen sie da und schliefen. Da die Schlafstellen wahrscheinlich vollgestopft waren, schliefen auch etliche am Boden, welche sich mit irgendwas eingehüllt hatten (am eindrücklichsten war der, der irgendwo ein Plakat von P-B-P abriss und sich darin einwickelte).

Als es wirklich dunkel wurde, montierte ich wieder meine Leuchtweste, welche unter Androhung von Zeitstrafe obligatorisch war. Diese erste Nacht fuhr ich dann problemlos durch, bis ich irgendwann nach unzähligen Steigungen und Abfahrten zur letzen Kontrolle vor Brest um etwa 07:00 kam. Hier das übliche, wobei ich zum ersten Mal eine warme Mahlzeit zu mir nahm. Bis jetzt hatte ich mich nur von Flüssignahrung sowie einigen Koffeinpräparaten ernährt. Diese erste warme Mahlzeit lies mich dir restlichen 90 km bis Brest fast ohne Flüssignahrung durchfahren, wobei ich in einer Apotheke zum ersten Mal Bepanthene kaufte, da ich realisiert hatte, dass meine Assos-Sitzcreme nicht reichen würde. Bis Brest musste man den höchsten Berg rauf, um dann in einer langen Abfahrt durch den kalten Morgennebel des Meeres nach Brest zu gelangen.

In Brest angekommen musste ich (wobei ich den Streckenchef innerlich verfluchte) noch etwa 150 Höhenmeter hinauf bis ins Dorf, weil die Kontrollstelle natürlich wie immer zuoberst im Dorf zu sein schien.

Ich hatte nun also die Hälfte geschaft, eine Kilometerleistung, die ich vom 600er in Wiedlisbach schon kannte. Ich hatte bis dahin 29 Stunden und 30 Minuten, war also 30 Minuten unter meinem Plan. Diese 600 km waren aber sicherlich härter als die von Wiedlisbach, und was mir noch mehr sorgen machte war, dass ich alle diese unzähligen Steigungen nun von der anderen Seite nochmals bezwingen müsste. Also nahm ich eine Dusche und ass etwas, zudem kaufte ich zum ersten Mal trockene Socken. Meine Knie waren jetzt wirklich angeschlagen, wobei ich beim Gehen mehr Schmerzen hatte als beim Radfahren. Allzu schlimm war es aber weiterhin nicht. So entschloss ich mich nicht zu schlafen, sondern das erste Retour-Teilstück noch hinter mich zu bringen, da dieses Teilstück das angeblich härteste ist, da der Berg nun wieder bezwungen werden musste.

Die Rückfahrt

Dieses Teilstück war um die 90 km (alle Teilstücke waren um die 70 bis 95 km) lang. Retour am Berg fuhren etliche noch Richtung Brest, unter denen noch hunderte 90-Stünder. Mike war nicht unter denen. Die 90-Stünder, die jetzt noch etwa 70 km bis Brest hatten, wollten scheinbar das 90 km Limit voll ausnutzen. Es hatte dabei Leute, die nicht den Anschein machten, dass sie in ihren Leben jemals schneller als 30 km/h fuhren, Respekt also vor denen, die das ganze in einem 18er Schnitt hinter sich brachten. Es hatte dabei Leute, die, so schien es mir, noch nie mit einem Fahrradclub mit einem 40er unterwegs waren, sondern ganz normale Fahrrad-Touristen, welche den Biss hatten, ihr bescheidenes Tempo über Tage durchzuziehen.

Irgendwann begann es auch wieder zu regnen, daher musste ich meine Regensachen wieder anziehen. Gemäss Adi Zimmermann hatte ich bis jetzt etwa die Hälfte des Rückstandes auf Mike aufgeholt. Als ich dann in der ersten Kontrolle auf dem Rückweg ankam wusste ich, dass der Rückweg nicht 100% identisch ist. Wir fuhren viel über breite Strassen, welche nicht mehr über derart viele Höhenmeter verfügten. Hier schlief ich zum ersten mal 2 Stunden. Diese 2 Stunden Schlaf waren erholsamer als ich vermutet hatte, ich sagte mir, dass ich von nun an 2 Stunden schlafen würde sobald es nötig wäre.

Nach der nächsten Kontrolle kam wieder ein hartes Teilstück, welches um die 90 km lang war. 90 km in diesem Tempo mit den vielen Hügeln durchzubringen ist mühsam, man hat so ohne weiteres 5 Stunden für so einen Abschnitt. Dass ich jemals Bern-Interlaken-Bern in 3 Stunden und 20 Minuten hinter mich gebracht hatte, war irgendwie fast unmöglich. Jetzt musste ich des öfteren den „Activator“, das Koffeinpräparat, zu mir nehmen, damit ich das lausige Tempo durchhalten konnte. Dank der Flüssignahrung hatte ich aber weiterhin kein Hänger mit den Kräften, nur der Schlafmangel machte sich von Zeit zu Zeit bemerkbar. Irgendwann erreichte mich ein SMS von Adi Zimmermann mit der Info, dass ich Mike irgendwo überholt hätte. Dies gab mir wieder mehr Kräfte. Trotzdem war es mir schleierhaft, wie ich die 6 ½ Stunden Rückstand auf Mike aufholen konnte, da ich seit etwa Kilometer 200 nicht mehr voll in die Pedale tat. Wahrscheinlich hatte Mike irgendwo eine grössere Schlafpause eingelegt.

Nach den nächsten zwei Kontrollstellen, bei denen ich jeweils zum KZ ging, lief ich bei den Kontrollstellen immer schlechter, so dass mich alle herum bemitleideten und „bon courage“ zuriefen. So fuhr ich in die zweite Nacht hinein.

Irgendwann erreichte mich wieder ein SMS von Adi, welches berichtigte, dass Mike wieder etwa vier Stunden vor mir sei. Scheinbar hatte er sich bei einer Kontrollstelle nicht registrieren lassen, daher schien es vorübergehend als hätte ich ihn überholt.

In dieser Nacht sah ich zum ersten Mal diverse Verkaufsstände der Einheimischen, bei denen die Familien Kaffee und Kuchen verkauften bzw. verschenkten.

Ich hatte nun etwa 800 km hinter mir, wobei es immer stärker regnete. Die Kontrollstellen brachte ich so schnell als möglich hinter mich, damit ich nicht in der Wärme der Lokalitäten einschlief. Das Starten in die regnerische kalte Nacht war jeweils eine Überwindung, es dauerte immer ein paar Kilometer, bis ich wieder warm hatte.

Die unzähligen Abfahrten wurden zur Belastung, da man wegen des Regens in der Nacht nicht wirklich viel sah, das einzige was zur Orientierung diente, waren die seitlichen Reflektoren der Strasse. Irgendwo verpasste ich wegen des schlechten Lichts eine Markierung Richtung Paris, so dass ich einige Kilometer falsch fuhr. Wahrscheinlich etwa 20 km nach dem falsch abbiegen stoppte mich ein Auto mit vier jungen Franzosen (die scheinbar vom „Ausgang“ kamen, mit Champagnerflaschen auf dem Rücksitz, zirka um 03:30), welche mir sagten, dass ich falsch sei, und dass ich bei der nächsten Abbiegung eine andere Richtung nehmen soll. Ich hatte keine andere Wahl als ihnen zu vertrauen, schliesslich kam ich tatsächlich wieder auf die offizielle Route zurück (gleichaltrige Schweizer hätten mich wahrscheinlich absichtlich in die falsche Richtung geschickt).

Ich hatte nun Angst, dass ich eine der geheimen Kontrollen wegen meiner anderen Route verpasst hatte (was zur Disqualifikation geführt hätte). Solche Kontrollen wurden eingebaut, damit Ortskundige keine Chance hatten Abkürzungen zu nehmen.

Tatsächlich kam ich, etwa fünf Kilometer nach wieder erreichen der offiziellen Route, zur geheimem Kontrolle der Rückfahrt. Ich hatte also Glück.

Um etwa 05:00 erreichte ich wieder eine Kontrolle, bei der ich noch einmal eine zweistündige Schlafpause einlegte. Man musste jeweils einige Euros zahlen (etwa 7 Euro, was aus meiner Sicht teuer ist), damit man die Massenlager benutzen durfte. Der Typ am Massenlager wollte dann jeweils auch wissen, wann er mich wecken sollte. Ich sagte ihm, dass er mich um 07:00 wecken solle. Als ich dann irgendwann erwachte, war es schon 07:30; der Typ hatte mich schlicht vergessen.

Danach fuhr ich weiter, ich hatte noch etwa 450 km vor mir. Mein Hintern wollte sich nicht an den Sattel gewöhnen, nach 2 ½ Stunden ohne ständigen Druck des Sattels war die Wiederangewöhnung an den Sattel besonders unangenehm. Auch die Knie taten während den ersten Kilometern ziemlich weh, mit der Zeit schien sich der Körper aber wieder an den Schmerz zu gewöhnen. Ich hatte mir ausgerechnet, dass ich am Abend zwischen 22:00 und 23:00 in Paris ankommen müsste, da ich normalerweise die 450 km in etwa 18 Stunden hinkriegen müsste. Ich hatte nun noch vier Abschnitte vor mir, zwei davon noch mit etlichen Höhenmetern. Zwischenzeitlich hatte es für etwa vier Stunden aufgehört zu regnen, am Nachmittag beim Aufstieg zum letzten grossen Hügel fing es wieder an heftig zu regnen. Meine Socken waren natürlich wieder nass, es war leider nie möglich die Füsse wirklich trocken zu halten trotz Regenüberzug und Regenhose.

So war ich um 21:00 an der zweitletzten Kontrollstelle vor Paris. Wieder liess ich mir im KZ die Knie massieren. Ich hatte nun noch etwa 150 km vor mir. Leider hatte ich nun auch keine Flüssignahrung mehr. Nun schmiss ich alles überflüssige an meinem Gepäck in den Mülleimer. So musste das Bidon und das Tupperware welche ich mit dem Flüssignahrung-Pulver gefüllt hatte, in Frankreich bleiben. Ich kaufte mir einige Energie Gels, welche mich in den letzten Kilometern unterstützen sollten.

Der zweitletzte Abschnitt nahm ich mit zwei Franzosen und einem Amerikaner in Angriff, welche sich mir anschlossen, da ich die beste Beleuchtung hatte. So fuhren wir also in die dritte Nacht hinein. Sogar der Regen hörte nun auf. Irgendwann nach einer kleinen Pause, während dessen sich das hintere Rad des Amerikaners sozusagen in Nichts auflöste (weil zuerst eine, dann eine zweite und dritte Messerspeiche riss), fingen meine Knieschmerzen an ins Unerträgliche zu steigen. Ich schrie meine Schmerzen in die Nacht hinaus, bis ich nur noch mit dem rechten Bein fuhr. Die anderen konnten mir nun auch nicht mehr helfen, daher fuhren sie zügig weiter. Ich sah mich also nun tatsächlich 100 km vor Schluss scheitern. Trotzdem wollte ich nicht aufgeben, daher versuchte ich irgendwie weiterzufahren. Schliesslich musste ich im Falle des Aufgebens selbst zur nächsten Kontrollstelle kommen. Glücklicherweise verschwand der starke Schmerz wieder. Der Amerikaner mit den drei defekten Speichen musste wahrscheinlich inmitten der kalten und regnerischen Nacht aufgeben, da wahrscheinlich niemand drei solche spezielle Messerspeichen mit sich trug. Und dies alles etwa 100 km vor Schluss.

Bei der letzten Kontrollstelle angekommen, etwa um 01:00, legte ich wieder eine Massagepause im KZ ein. Danach wollte ich auch noch ein paar Stunden schlafen (auf Anraten der Ärtztin), da mir die Gesamtzeit nun wirklich egal war (ich konnte mein Ziel, unter 70 Stunden zu kommen, nicht mehr erreichen).

Als ich mich im Massenlager hinlegte (den Geruch der zirka 50 anderen Fahrern ignorierend) konnte ich wegen des „Schnarchens“ nicht einschlafen (nicht einmal nach 68 Stunden Radfahren mit zirka 1150 km). Also stand ich wieder auf und machte mich zum letzten Mal zu Fuss (jeder Schritt war unterdessen eine Qual) Richtung Fahrrad. Langsam fuhr ich durch die Vororte von Paris, wobei ich am Strassenrand diverse schlafende Fahrer sah. Äusserst beliebt schienen die Häuschen der Bushaltestellen zu sein, welche mit schlafenden Fahrern überfüllt waren (um zirka 02:00 in der für mich dritten Nacht, für die 90-Stünder die vierte). Ich selbst nahm aber lieber einen Activator damit ich wach blieb, als nochmals zu schlafen. Danach ging es weiter durch den Wald über diverse Hügel (obwohl das ganze sicherlich auch flach zu bewältigen wäre) und über das steilste Stück der gesamten Strecke (ein 18%er) Richtung Paris. Im nächsten Dorf, etwa 30 Kilometer vor Schluss, hatte ich tatsächlich den ersten Platten. Jetzt hatte mich das Fahrrad tatsächlich 1200 km anstandslos durch die Gegend gefahren, ohne jegliche Probleme.

Und nun das. Widerwillig versuchte ich das ganze in einem Kreisel inmitten eines Dorfes zu reparieren. Irgendwie war ich aber unfähig das ganze zu machen, bis mir ein Franzose und ein Kanadier dabei halfen. Ich war schlicht nicht mehr genügend belastbar das ganze jetzt selbst zu erledigen. Ein paar Kilometer später hatte ich wieder einen Platten, wobei ich sämtliche mir bekannten Schimpfwörter in Berndeutsch und Französisch von mir gab. Da wir vorher das ganze im Dunkeln reparierten, übersahen wir vermutlich eine Scherbe im Pneu.

Nachdem wir den Schlauch und den Pneu ausgetauscht und den Pneu mühsam aufgepumpt hatten, bemerkten wir, dass der zweite neue Schlauch schon defekt war. So wechselte ich den letzen Schlauch mit Hilfe des Kanadiers auch noch aus. Da wir mit den Handpumpen nicht mehr die 10 bis 11 Bar pumpen konnten, rollte ich schwammig mit etwa 7 Bar durch die Gegend. Irgendwann fragte ich den Kanadier, warum er ein „einfaches“ Englisch benütze. Er meinte dann, dass er selbst nicht englischsprachig sei, sondern Deutscher aus Bayern. Wir verfielen dann in schallendes Gelächter, als wir bemerkten, dass wir uns jetzt seit etwa einer Stunde auf Englisch unterhielten, obwohl wir beide besser Deutsch könnten. Ich dachte immer, dass er Kanadier sei, da er ein Trikot der Kanadischen Randonneure trug, er dachte ich sei Franzose, weil ich mich gemäss seiner Aussage in fehlerfreiem Französisch mit den Franzosen unterhielt.

So hatten wir also Gesprächsstoff für die letzten Kilometer, jeder erzählte die neusten P-B-P-Stories. Schlussendlich erreichten wir Guyangourt um 06:00. Die Leute Applaudierten rundherum, anders als ich mir es während zirka 700 km vorgestellt hatte, waren meine Emotionen nicht gross, ich wollte nur so schnell wie möglich ins Hotel zurück. Also bedankte ich mich bei Andy (wie der Bayer hiess) und verabschiedete mich.

Nachwehen

Nun verliess ich das Gelände in Richtung Hotel. Beim Kreisel beim Gymnasium nahm ich auf gut Glück die erste Ausfahrt und realisierte nach 5 bis 10 Kilometern, dass ich fasch war. Irgendwie war ich nicht mehr in der Lage klar zu denken. Also fuhr ich wieder zurück zum Kreisel. Schlussendlich erwischte ich doch noch dir richtige Ausfahrt und genau eine Stunde später war ich dann im Hotel. Es war genau 7:00 und ich konnte den Zimmerschlüssel beim Frühstückbuffet abholen. Seltsamerweise war Mike noch nicht im Zimmer. Er war um 03:00 im Ziel eingeschlafen.

Unter der Dusche realisierte ich zum ersten mal, dass diverse Körperteile ganz oder teilweise eingeschlafen waren. Irgendwie liess ich beim Duschen alles fallen, was wohl nicht nur an der fehlenden Koordination lag. Die Hände hatten etwa 40% ihres Spürsinns verloren. Auch die Beine waren etwas taub, das ständige Drücken der Pedale auf die Füsse war wohl nicht ideal. Mein Hintern fühlte sich schlecht an, obwohl ich schon schlimmeres erlebt hatte. Das häufige eincremen mit Bepanthene und der Assoscreme machte sich bezahlt.

Als Mike dann etwa 3 Stunden später eintraf, assen wir zusammen die beiden Vollkornbrote, welche er zuvor eingekauft hatte, und schliefen glücklich ein.

Thierry


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