Bericht vom Wysam333 2006

Der Start war gut. Bis Breitenbach (2. Checkpoint) war ich 2h schneller als letztes Jahr. Ist geil. Ich hab' mich bis dahin auch gut gefühlt. Fast. Ein leichtes Hungergefühl auf den letzten Metern zum Posten gedachte ich am Posten dann besänftigen zu können. Dann kam der Passwang, den ich als recht moderat in Erinnerung hatte. Das war ja auch so. Also: voll Schub geben und mit 20km/h rauf. Dann kam, woran ich mich nicht mehr erinnerte: die Serpentinen des Passwangs. Dass mich dabei ein 'quereinsteigender' Dösel mit gerade warmgefahrenen Beinen schnell gefressen hat, hat mich zumindest nicht gerade weitergebracht. Dann der Schreck: im steilsten Stück kommt der? Na? Jawohl: unsere Freunde mit dem Besenwagen! Shit happens.
Den wurde ich aber bis zum Schluss nur einmal ganz kurze Zeit wieder los: der überholte Fahrer hat aber aufgegeben und so kam ich wieder in den zweifelhaften Genuss eines 'Betreuungsfahrzeuges': Jede Kurbelumdrehung von mir wird mit einem stottern des Diesels beantwortet... Gerne möchte man ihn einfach vorbeiwinken, weghaben. Aber er ist da. Unerbittlich, bedrohlich und immer einige Meter hinter mir!
Also: Ich kann nicht aufgeben, wenn ich sehe, dass ich finishen kann. Aber der Passwang hat nicht nur dem 'Besenwagenbremser' die letzten Kräfte geraubt, sondern auch mir. So tuckere ich, den Diesel am Arsch, mit so 25km/h gegen den aufkommenden Wind und kämpfe gegen die Zeit. Jedes Hügelchen wird zur kräfteraubenden Tortour.
Der dritte Checkpoint, Messen, ist erreicht. Mann.... ist das ein weiter Weg gewesen. Aber: noch eine Station und dann das Finale! Also: wieder voll motiviert und ohne den überschweren (und wiedereinmal unnötigen!) Rucksack (der ist im Besenwagen: wir zwei sind eine symbiotische Gemeinschaft eingegangen) in die Pedale treten. Die Strecke kenne ich. Durchs Limpbachtal Richtung Lyss. Einmal rauf, dann wieder runter. Das gibt die Möglichkeit, gelegentlich etwas zu verschnaufen. Aber generell geht es eher runter. Dann der Teil von Lyss Richtung Neuenburgersee/Murtensee (bzw. genau zwischendurch). Langsam geht mir die letzte Power aus. Ich werde fliegend verpflegt. Ich habe mich an mein unerwünschtes Betreuungsfahrzeug gewöhnt und zähle jetzt sogar darauf. Ich weiss: das ist meine Chance, anzukommen. Also nutze ich sie schweren Herzens. Krampfhaft suche ich nach dem Kerl, der in Messen noch 5min vor mir gewesen ist und trete wie verrückt. Ich möchte ihm trotz allem den Besenwagen anhängen. Das würde mich wieder motivieren. Aber es reicht nicht. Ich seh' ihn nirgends. Wie ich später erfahren habe, hat er selbst bis zum Ziel noch einige Kollegen gefressen..
Also. Ich akzeptiere mein Schicksal und radle weiter. Hebe gelegentlich mein bereits vorher lädiertes Hinterteil vom Sattel, wenn es mal wieder etwas runter geht. Aber diese Schmerzen plagen mich nicht wirklich. Jetzt nagt der verdammte Kleber "wenn aufgeben, dann 079.... anrufen" an mir. Er klebt auf der Lampe und schaut mich lächelnd an. 'Ruf mich an, ruf mich an', scheint er mir sagen zu wollen. Scheissteil. Ich schmeiss also die Lampe mit dem Kleber weg. Das verstehen meine beiden Freunde im ruckigen Diesel hinter mir wohl nicht. Die Lampe einfach wegschmeissen?! Ja! Ich war ja schon immer radikal. Analyse: was baut mich auf? Nichts! Nur das Bild des Einfahrens am Ziel. Ich brenne mir dieses Bild in Gedanken ein und fahre wieder etwas besser. Immer noch werde ich freundlich und zuverlässig verpflegt: Bananen, Cola, Wasser, Riegel etc. Was immer ich möchte. Der Lieferwagen ist ja noch gross und gut bestückt. Ich höre den Beifahrer mit dem Samuel Wyss telefonieren und höre wie er auf französisch sagt: "es wäre schade, ihn jetzt aufzuhalten" und "il pourrait arriver". Das motiviert mich wieder. Die glauben noch an mich.
Ich kämpfe mich durch. Noch 40min bis zum Checkpointschluss in Cheyres. Ich fahre mit letzten Kräften. Etwas später versuche ich, mir die Route ins Gedächtnis zu rufen. Von Cheyres bis Orbe sind es noch rund 35km. Es geht allerdings nach Cheyres nochmal kräftig den Berg hoch. Es sind also nach dem Checkpoint rund 35km in weniger 1h20min (ich brauche ja eine Pause). Eine Steigung ist auch noch drin. Ich beginne zu rechnen. Die Gedanken jagen sich jetzt ganz schnell. Ich prüfe die Zeit, frage meine Freunde im Wagen danach, sie sagen mir das Gleiche: 5min bis zum Schluss in Cheyres. Vor mir noch eine Steigung und dann noch ein flaches Stück gegen den nun stärkeren Wind bis dahin ca. 5km. Drei Sekunden später höre ich auf zu treten...
Die Leute am Checkpoint werden von 'meinen' Fahrern über meinen langen Kampf unterrichtet und sie klatschen, rufen bravo und sie versuchen mich zu trösten. Danke. Aber heute, nein, heute kann ich nicht getröstet werden.
Ich wünsche Samuel Wyss baldige und vollständige Genesung!
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